Das Wanderbündel der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen kehrte nach Schomberg heim

28. April 2017 - 12:33 - Quelle: - 0 kommentier
1 Jahr, 43 Schulen der Ungarndeutschen, etwa 3.500 km, mehrere Zehntausend angesprochene Schülerinnen und Schüler – so kann der Weg des Wanderbündels, das auf die Initiative der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU) unser Land bereiste, in Zahlen zusammengefasst werden. An all den Stationen machte es Kinder und Jugendliche auf die Schicksalsschläge der Deutschen in Ungarn im 20. Jahrhundert aufmerksam, und ließ sie sich mit der sich vor gut 7 Jahrzehnten ereigneten Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen befassen. Das symbolhafte Bündel erinnert an die berüchtigten Worte von Imre Kovács, dem einstigen Politiker der Nationalen Bauernpartei: „Die Schwaben verdienen keine Gnade! Wenn wir das vernichtete Land betrachten, dürfen wir nicht vergessen, dass dies fast gänzlich ihre Schuld ist! Sie brachten nämlich Hitlers Politik nach Ungarn! Verschwinden sie so, wie sie damals gekommen sind: mit einem Bündel auf ihrem Rücken!“ Das Ziel der Kommunikationskampagne war die Informierung und die Abrechnung mit Zerrbildern, Tabus und falschem Geschichtsbewusstsein. Das Wanderbündel – das im Frühling 2016 von drei bejahrten, von diesen Schicksalsschlägen betroffenen Menschen aus Schomberg zusammengestellt wurde – kehrte am 27. April in das Branauer Dorf heim.

Das Bündel - voll mit lebensnotwendigen Gegenständen - empfingen Schulen der deutschen Nationalität, um im Rahmen eines Projekts die Wichtigkeit der Erinnerungskultur zu behandeln. Das Bündel wurde im Valeria-Koch-Bildungszentrum zu Fünfkirchen auf seinen Weg geschickt. Laut der mehrere Hundert Seiten umfassenden Berichte der Kinder und Jugendlichen behandelte man im Rahmen von Sonderstunden in Geschichte, Volkskunde und Deutsch diese traurige Epoche der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Durch zahlreiche spannende Initiativen – wie Besuch im Archiv, die Vergangenheit heraufbeschwörende Gespräche mit Zeitzeugen, Zeichen- und Literaturpreisausschreiben, Übersetzungswettbewerbe, Filmvorführung, Ausstellung, Flashmob, Dramenspiel, Illustration von literarische Werken, Basteln, Anfertigung von Abenteuer- und Gesellschaftsspielen – verstanden ganz viele Kinder und Jugendlichen, was für Grässlichkeiten vor erst knapp einigen Jahrzehnten Hunderttausende von Ungarndeutschen mitmachen mussten.

Das Bündel kehrte am 27. April nach Schomberg wieder heim. An der Gedenkstunde, die die Aktion abrundete, nahmen auch Delegationen zahlreicher „Wanderbündel-Schulen“ teil. Die Gäste begrüßte Katharina Berek. Die Vorsitzende der Deutschen Selbstverwaltung von Schomberg legte die behandelte Epoche der Geschichte in ihrem Dorf dar. Die Schomberger seien von der Zwangsarbeit in der Sowjetunion verschont geblieben, die Vertreibung habe aber 30% der Dorfeinwohner ins Ungewisse verschlagen: „Ein Bündel mit den allernotwendigsten Sachen konnten sie mitnehmen: einige Kleidungsstücke, Geschirr, Decke mit Polster, Messbuch und Rosenkranz. Doch viel mehr blieb zurück, was in das Bündel nicht hineinpasste: das geliebte Dorf mit den Nachbarn, Verwandten und Freunden, die in der Dorfmitte stehende Kirche, das Läuten der Glocken, die man nie vergisst. Wie konnte man das überleben? Nur mit einem festen Glauben, Hände zusammenfalten, gen Himmel schauen und beten.“

„Wir, die wir hier zusammenkamen, sind durch das Wanderbündel miteinander verbunden“ – formulierte Frau Maria Hoffmann, Direktorin der Schomberger Grundschule. „Als Erwachsene tragen wir große Verantwortung, wenn wir so ein schweres Thema mit den Kindern behandeln. Ich glaube, uns ist es gelungen, ihnen diese Epoche unserer Geschichte besser zu erklären, aber das Bündel brachte darüber hinaus auch die Generationen einander näher. Laut unserer Erfahrung stellten die Kinder in den letzten Tagen viel mehr Fragen an ihre Eltern, Groß- und Urgroßeltern. Wie das Licht aus der Dunkelheit Helligkeit, aus der Kälte Wärme zaubert, so sollen auch wir, Erwachsene Lichter sein und unseren Kindern die Hoffnung geben, dass auf sie eine schöne Zukunft wartet.“

Otto Heinek, der Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen bedankte sich bei den Schombergern und dem Valeria-Koch-Schulzentrum dafür, dass sie das Wanderbündel auf seinen Weg schickten. Die Absicht der LdU sei mit der Initiative die Erinnerung und das Erwecken der Aufmerksamkeit gewesen. Strategisches Ziel sei – so Otto Heinek, einen Beitrag zur Schaffung eines korrekten Geschichtsbewusstseins und einer korrekten Erinnerungskultur zu leisten. Dass Schülerinnen und Schüler die Botschaft des Wanderbündels verstanden hätten, belegte der Vorsitzende mit Zitaten aus dem Gedenkbuch, das im Bündel steckte: „Viele Jahre vergingen seit diesen Geschehnissen, ich gehöre bereits der dritten Generation an, die diese traurigen Geschichten hört. Eines wurde mir klar: man darf nie aufgeben, es gibt immer eine Hoffnung auf ein besseres Leben.“ – schrieb ein Schüler der Oberstufe. Ein Gymnasiast fasste das Projekt an seiner Schule folgendermaßen zusammen: „Wir lernten in dieser Woche einander und die älteren Generationen noch mehr zu respektieren und unser Leben noch viel mehr zu schätzen. Ich nehme in meinem ‚Bündel‘ Ehre, Mitleid und das Gefühl einer sinnvollen Schulwoche mit.” „Lernen wir schätzen, dass wir, die wir die Grausamkeiten der Kriege, das Leiden der Verschleppten und Vertriebenen nur aus Erzählungen und Geschichtsbüchern kennen! Tun wir alles dafür, dass auch unsere Kinder, Enkelkinder in einer friedlichen Welt ohne Hass und Diskriminierung leben können!“ – ermahnte der Vorsitzende der Landesselbstverwaltung.

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