Otto Heinek: „Auch mit einem Abgeordneten würden wir uns im Parlament für die Bildung der Jugend, für die Pflege der Kultur und für europäische Werte einsetzen“ - 22. Landesgala am Tag der Ungarndeutschen Selbstverwaltungen

15. Januar 2018 - 15:19 - Quelle: - 0 kommentier
Eine glanzvolle, mit Preisverleihung verbundene Gala veranstaltete die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen am 13. Januar im Kodály Zentrum zu Fünfkirchen. Zum 22. Mal feierte die ungarndeutsche Gemeinschaft am zweiten Januarsamstag den Jahrestag der Gründung der allerersten deutschen Nationalitätenselbstverwaltungen im Jahre 1994. Niveauvolle Solisten und preisgekrönte Ensembles der Ungarndeutschen brachten das Galaprogramm wörtlich glänzend über die Bühne: großen Applaus ernteten die zahlreichen, vor allem aus dem Volkslied-, Volksmusik- und Volkstanzgut der Ungarndeutschen schöpfenden Produktionen – ganz den Galaprogrammen der Vorjahre ähnlich.

„Das jetzt beginnende wird aber ein besonderes Jahr werden, denn wir werden wählen und wollen mit einem Abgeordnetenmandat ins Parlament kommen. Und diese Gala mit ihrem Programm und mit unseren Auszuzeichnenden zeigt deutlich und exemplarisch, warum wir das wollen“, betonte in seiner Grußansprache Otto Heinek, der Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen: „Damit wir mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Erziehung der jungen Generationen haben. Damit unsere Vereine besser gefördert werden und so noch mehr für die Pflege unseres Kulturerbes tun können. Förderung der jungen Generationen, Pflege unseres kulturellen Erbes, Mitgestaltung eines modernen Schulwesens, Einsatz für europäische Werte und gute Beziehungen zu den Nachbarn und zwischen Deutschland und Ungarn – das ist es, wofür wir arbeiten und wofür wir uns auch im Parlament einsetzen wollen.“

Schirmherr und Festredner war der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Ungarn. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Deutschland und Ungarn sei verknüpft, und die Ungarndeutschen spielten dabei eine Schlüsselrolle - begann Volkmar Wenzel seine Ansprache. Er betonte, dass es daher heute eine erfreuliche Normalität sei, dass Deutschland seit Jahren der wichtigste Wirtschaftspartner Ungarns ist, dass viele Städtepartnerschaften und unzählige enge Verbindungen in Wissenschaft und Kultur existierten, und dass in Ungarn so viele Deutsch könnten. Erfreulich sei, dass Ungarn die Ungarndeutschen respektiere, denn Minderheiten verdienten einen besonderen Schutz, weil diese Vielfalt ein Wert sei: „Die deutsche Minderheit in Ungarn ist heute ein besonders gutes Beispiel dafür, dass sich das Bewusstsein für die eigenen Traditionen hervorragend mit dem Bekenntnis zur Gegenwart und einer optimistischen Sicht auf die Zukunft verbinden lässt. Diese Zukunft in Europa sehen wir ja gerade darin, die Grenzen, um die jahrhundertelang gekämpft wurde, zu überwinden und Brücken zu bauen zwischen Ungarn, Deutschen und darüber hinaus. Wer könnte daran besser arbeiten als die Ungarndeutschen.“ Zwar wurde die neue Regierung in Berlin noch nicht gebildet, dennoch gebe es große Beständigkeit in den Grundprinzipien der deutschen Außenpolitik, somit auch im Thema Förderung der deutschen Minderheiten – versicherte der Botschafter.

Im Rahmen der Gala wurde die höchste Auszeichnung der Ungarndeutschen, die „Ehrennadel in Gold für das Ungarndeutschtum“ an drei Persönlichkeiten überreicht. Die Auszeichnungen erhielten:

HARTMUT KOSCHYK (Berlin, Deutschland), Bundestagsabgeordneter, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten a.D. für seinen jahrzehntelangen Einsatz für die deutsche Gemeinschaft in Ungarn

Hartmut Koschyk ist Sohn einer aus Oberschlesien vertriebenen Familie, er wurde 1959 geboren. 1978 trat er der CSU bei. Nach dem Wehrdienst wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter eines CDU-Bundestagsabgeordneten in Bonn, und unterdessen studierte er an der Universität Bonn Geschichte und politische Wissenschaften. Mit nur 28 Jahren wurde er zum Generalsekretär des Bundes der Vertriebenen berufen, und dieses Amt übte er bis 1991 aus.

Von 1990 bis 2017 war Hartmut Koschyk Mitglied des Deutschen Bundestages. Als Angeordneter betreute er unter anderem auch lange Jahre hindurch Bereiche, die mit Vertriebenen und Flüchtlingen zu tun hatten. 2005 bis 2009 war er Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, von 2009 bis 2013 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium.

Zwischen 2014 und 2017 war Hartmut Koschyk der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Er hat sich engagiert und erfolgreich für die Intensivierung der Zusammenarbeit der deutschen Minderheiten Europas eingesetzt, hat Entscheidungsträger des Bundestages und der Bundesregierung für die Belange der deutschen Volksgruppen sensibilisiert und in vielen Bereichen auch eine Erhöhung der Förderungen erreicht. Hartmut Koschyk nahm in den vergangenen Jahren als Vertreter der Bundesregierung regelmäßig an den Gedenkveranstaltungen zur Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen teil und hat durch seine politischen Aktivitäten einen wichtigen Beitrag zur Pflege der deutsch–ungarischen Beziehungen geleistet. Bei der Bundestagswahl 2017 trat er nicht mehr an.

JOSEF OSZVALD (Waschludt), pensionierter Pädagoge, Schulleiter, dem ungarndeutschen Bildungswesen verpflichteter Bildungsexperte

Josef Oszvald wurde 1951 in einer ungarndeutschen Familie in Waschludt/Városlőd geboren. Nach Abitur am László-Lovassy-Gymnasium in Wesprim studierte er an der Pädagogischen Hochschule in Fünfkirchen, und ist Lehrer für Geschichte, sowie ungarische Sprache und Literatur geworden. An der Universität in Wesprim erwarb er 1995 sein Diplom als Deutschlehrer.

1987 wurde er zum stellvertretenden Direktor, ein Jahr später zum Direktor der Waschludter Grundschule ernannt, und war ein Jahrzehnt hindurch als Schulleiter tätig.

Tolle Initiativen – wie ein zweisprachiges Schülermagazin, diverse kreative Methoden zur Motivation der Schülerinnen und Schüler zum Erwerb der deutschen Sprache, Kulturwettbewerbe der Nationalitätenschulen auf Komitatsebene -, sowie fachliche Neuerungen bezüglich des Nationalitätenunterrichts im Komitat Wesprim zeugen von seinem besonderen Engagement für das ungarndeutsche Bildungswesen.

1998 wechselte er ins Pädagogische Institut nach Wesprim. Zunächst als Mitarbeiter, später als stellvertretender Direktor hielt er Kontakt zu den ungarndeutschen Schulen und -kindergärten, versorgte diese mit Fachmaterialien, förderte Einführung und Entwicklung des Deutschunterrichts in den Ortschaften des Komitates, setzte sich für die Ausbildung von Pädagogen ein, lektorierte und übersetzte Lehrwerke und Lehrpläne, organisierte Konferenzen. Ihm ist die Einführung des ungarndeutschen Nationalitätenunterrichts am Bródy Gymnasium in Ajke im Jahre 2002 zu verdanken – an der Schule, an der er schließlich bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2012 Deutsch und Volkskunde unterrichtete. Josef Oszvald war zwischen 2000 und 2009 Vorsitzender des Bundes Ungarndeutscher Schulvereine. Er ist auch als Rentner aktiv: er ist Vorsitzender der deutschen Selbstverwaltung seines Heimatdorfes und Vizevorsitzender der Deutschen Selbstverwaltung des Komitates Wesprim, und führt Mundartforschungen in Waschludt durch.

MARIA SCHŐN (Hajosch), pensionierte Pädagogin, Volkskunde- und Mundartforscherin, Chorleiterin

Die ungarndeutsche Folklore der Batschkaer Kleinstadt Hajosch gehört zu den landesweit am besten dokumentierten – und das ist einer nimmermüden Lokalpatriotin zu verdanken.

Maria Schőn wurde 1943 in Hajosch geboren. Als bewusste Ungarndeutsche wollte sie Deutschlehrerin werden und studierte an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest Deutsch und Ungarisch. Unterrichtet hat sie in Badesek, in Kalocsa und in Hajosch. In den 1980er Jahren hat sie angefangen, sich mit der Volkskunde der Hajoscher Ungarndeutschen zu befassen, und mittlerweile sind sämtliche Bereiche des volkstümlichen Lebens der Hajoscher dokumentiert. Unermüdlich recherchierte sie nach Volks- und Kinderliedern, Reimen, Sprüchen, Volksmärchen, Aberglauben und Religionsbräuchen. Die Ergebnisse ihrer Sammelarbeit präsentieren zahlreiche – teilweise auch im Unterricht verwendete – Publikationen, die unter anderem auch über ganz interessante Momente – wie zum Beispiel über die Folklore der Sonne, über Legenden über die Hajoscher Muttergottes, über Spuren der germanischen Götterwelt in der Hajoscher Folklore, oder über die Mentalität des Bauerntums in Hajosch – erzählen.

Frau Schőn leitete 15 Jahre hindurch den örtlichen deutschen Chor, mit dem sie auch eine CD herausbrachte. Auch als Mundartforscherin hat sie Unvergängliches geschaffen: sie leistete einen großen Beitrag zur schriftlichen Festhaltung des ganz besonderen schwäbischen Dialekts der Hajoscher. Sie betreut, erweitert und präsentiert die Sammlung des Hajoscher Heimatmuseums, sammelt alte Nähmaschinen, war als Reporterin der deutschen Sendung des Stadtfernsehens tätig, und hält landesweit Vorlesungen.

Auf der Landesgala wurde auch der „Valeria-Koch-Preis” übergeben. Diese Auszeichnung erhielten bereits zum 15. Mal Schülerinnen und Schüler der Mittelschulen, die eine exzellente schulische Leistung an den Tag gelegt haben und sich für die Pflege des ungarndeutschen Kulturerbes besonders engagiert einsetzen; sowie eine Hochschulabsolventin bzw. ein Hochschulabsolvent für eindrucksvolle Diplomarbeit über ein ungarndeutsches Thema. Die Auszeichnung übernahmen diesmal:

MATTHIAS MARKUS CZIGÁNY (Valeria-Koch-Gymnasium Fünfkirchen)

Der Abiturient des Valeria-Koch-Gymnasiums wurde in München geboren und lebt seit Kleinkindalter in Ratzpetr/Újpetre. Familie und Umgebung stärken ihn gleichwohl in seiner ungarndeutschen Identität. Er engagiert sich auf verschiedenen Ebenen der Kulturpflege – sowohl im schulischen Rahmen, als auch in seinem Heimatort: er beteiligt sich regelmäßig an Rezitationswettbewerben, wirkt an der jährlich in mehreren Ortschaften der Branau aufgeführten Johannespassion mit, ist Mitglied der Tanzgruppe und des traditionspflegenden Vereins von Ratzpetr, spielt Waldhorn, Trompete und Klavier, tritt mit Blaskapellen seiner Bildungseinrichtung und seines Heimatdorfes an schulischen, städtischen und regionalen Veranstaltungen auf, ist Mitglied des Schulchors, der Branauer Stimmungsparade, stellt sein Können bei verschiedenen Wettbewerben erfolgreich auf die Probe, nimmt am Zentrum-Jugendfilmfest „Abgedreht“ teil und ist bei ungarndeutschen Jugendcamps regelmäßig als Jugendleiter mit dabei.

SONJA NAGY (Deutsches Nationalitätengymnasium Budapest)

Sonja Nagy – wohnhaft in Budapest – besucht die 12. Klasse des Deutschen Nationalitätengymnasiums im 20. Bezirk der Hauptstadt. Sie entschied sich für diese Schule ganz bewusst, weil sie die deutsche Sprache und Traditionen pflegen wollte. Dieses Interesse geht bei ihr auf die früheste Kindheit zurück, vor allem aber auf die wertvolle Zeit, die sie bei ihrer Großmutter in Deutschland verbrachte.

Sonjas Engagement im Bereich der Traditionspflege ist vielschichtig: Sie ist Mitglied der Ungarndeutschen Jugendtanzgruppe von Tschepele, singt im Schulchor, führt auch gerne ethnographische Recherchen durch und nimmt an Volkskundelagern teil. Ihre Deutschkenntnisse stellt sie gerne an diversen Wettbewerben unter Beweis, und um diese zu verbessern, nimmt sie gerne Stipendienmöglichkeiten wahr.

SANDRA HOLCZINGER (Eötvös-Loránd-Universität Budapest)

Sandra Holczinger stammt aus Sitsch/Bakonyszücs, ist mit der ungarndeutschen Kultur und Mundart aufgewachsen. Tanz, Gesang, Musik, Theater, sowie Volkskunde- und Mundartforschungen bestimmten ihre Gymnasialjahre am László-Lovassy-Gymnasium zu Wesprim. Nach dem Abitur schlug sie gleichzeitig zwei Wege ein: sie lernte Schauspiel an der renommierten Schule von Mária Gór-Nagy, und studierte anschließend an der Apor-Vilmos-Hochschule in Waitzen/Vác deutsche Nationalitätenkindergartenpädagogik. 2017 absolvierte sie als BA-Studentin Deutsch als Nationalitätenfach an der Philosophischen Fakultät der Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) in Budapest, und hatte während des Studiums die Möglichkeit, am von Dr. Maria Erb geleiteten Projekt „Wörterbuch der Ungarndeutschen Mundarten“ mitzuarbeiten. Ihre von Dr. Karl Manherz betreute Diplomarbeit schrieb sie über das Thema „Feste des Kalenderjahres, bedeutende Stationen des menschlichen Lebens in Sitsch/Bakonyszücs“. Derzeit studiert sie als MA-Studentin Deutsch als Minderheitensprache und –literatur an der ELTE.

Sandra ist kulturell sehr aktiv: sie singt im Holczinger-Molnár-Duo ungarndeutsche Volksweisen, und sie arbeitet auch als Schauspielerin: seit 4 Jahren ist sie Mitglied des Ensembles des József-Attila-Theaters in Budapest, und darüber hinaus auch Mitglied von anderen Theatergruppen. Man kann sie auch in Filmen und Serien sehen, und besonders stolz ist sie darauf, dass sie auch an Filmproduktionen bzw. –projekten mit ungarndeutscher Thematik mitwirken kann.

Auftretende des Galaprogramms waren: die Jugendblaskapelle Boschok-Mohatsch-Schomberg; das Wemender Duo (Flóra Tillmann und Dorina Ravasz); das Akkordeontrio von Tamás Kéméndi, Bence Benedek Treszner und Patrik Heider; Trompetenkünstler Ferenc Mausz; die Kindertanzgruppe des Valeria-Koch-Bildungszentrums; die Kapelle „Die Neun Branauer Musikanten“; das Ratkaer Duo mit Julianna Endrész-Götz und Erzsébet Molnár-Májer; Elisa Szugfill (Bohl), Anna Sára Mravinac (Werischwar), Tamás Radnai (Sanktiwan) und Bettina Emmert (Baje) mit Mundartgeschichten; das Ensemble der Deutsche Bühne Ungarn in Seksard; der Intermelody Chor aus Surgetin; die „Füzes“ Tanzgruppe aus Wiehall-Kleinturwall. In der Pause spielten die Bawazer Dorfmusikanten und auf dem anschließenden Ball wurden die Gäste von der Diamant Kapelle aus Boschok unterhalten.

Die Veranstaltung wurde vom Bundesministerium des Innern der Bundesrepublik Deutschland gefördert.

LdU - Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen
H-1026 Budapest Júlia u. 9. - +36 1 212 91 51 - info@ldu.hu