Kulturelle Autonomie der Nationalitäten kann ohne eigene Institutionen nicht verwirklicht werden - LdU stand Leitern und Trägern von Kindergärten und Schulen der deutschen Selbstverwaltungen mit einer Tagung zur Seite

13. Februar 2019 - 11:03 - Quelle: - 0 kommentier
Keine gravierenden Geldsorgen, jedoch mehr Selbständigkeit und Flexibilität an ungarndeutschen Bildungseinrichtungen, die von örtlichen deutschen Selbstverwaltungen übernommen wurden – darauf verwiesen sowohl Vertreter der Träger, als auch Leiter der einschlägigen Kitas und Schulen an jener Fachkonferenz, die die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen zum zweiten Mal organisiert und das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat gefördert hat. Die Tagung fand am 6. Februar am Friedrich-Schiller-Gymnasium, der LdU-Schule in Werischwar statt; Ziel war, den Leitern der insgesamt 55 übernommenen Bildungseinrichtungen, sowie den Vertretern der diese tragenden Nationalitätenselbstverwaltungen landesweit die Gelegenheit zu bieten, sich zu treffen und auszutauschen. Teilnehmende des Forums haben durch Expertenvorträge praktische Hilfe, und auch Antworten auf ihre Fragen bekommen.

Moderator Dr. Attila Buzál, Rechtsanwalt der LdU zitierte als Einstieg in das Programm den letztes Jahr verstorbenen Vorsitzenden der Landesselbstverwaltung: Otto Heinek habe sich dafür ausgesprochen, dass kulturelle Autonomie der Nationalitäten ohne eigene Institutionen grundsätzlich nicht verwirklicht werden könne. Die LdU verankerte in ihrer Strategie deshalb die Errichtung eines Netzwerks selbst getragener Institutionen, sowie auch das Ziel, dass immer mehr örtliche deutsche Selbstverwaltungen die Trägerschaft von Institutionen übernehmen. Dieser Prozess begann vor über zwei Jahrzehnten; heutzutage werden landesweit mehr als 50 Kindergärten, bzw. Schulen von der LdU oder von örtlichen deutschen Selbstverwaltungen betätigt.

Ibolya Englender-Hock bedankte sich bei den Teilnehmenden dafür, dass sie trotz aller Zweifel und Schwierigkeiten die Initiative ergriffen und die Institutionsübernahme durchgeführt haben. Die für Bildungsangelegenheiten zuständige Beirätin der LdU – die gleichzeitig auch die Direktorin der Fünfkirchner LdU-Schule, des Valeria-Koch-Bildungszentrums ist – hob in ihrem Grußwort hervor: Tagungen wie diese seien unerlässlich, weil Institutionsleiter und Träger gleichwohl professionelle fachliche Unterstützung und Erfahrungsaustausch benötigen.

Bildungsexperte László Appel, Referent für Bildungsverwaltung beim Ungarndeutschen Pädagogischen Institut schilderte die rechtlichen Voraussetzungen der Institutionsübernahme. In seinem Vortrag betonte er: eine langfristige und effektive Arbeit sei nur in dem Fall möglich, wenn auch die gegebene Gemeindeverwaltung die Trägerschaftsübernahme bejaht und der deutschen Selbstverwaltung im Alltag unter die Arme greift.

Mehr Unabhängigkeit, mehr Flexibilität, vor allem aber wirksamere Pflege der ungarndeutschen Identität – damit begründeten Vertreter der übernommenen Institutionen und der Selbstverwaltungen, warum sie sich auch trotz mehr Arbeit und größerer Verantwortung für den Trägerwechsel entschieden haben. Julianna Sárosi-Sinai, die Wirtschaftsleiterin der Antal Grassalkovich Deutschen Nationalitätenschule Wetschesch erörterte Fragen bezüglich der Wirtschaftsführung und der staatlichen Förderungen. Laut Vorsitzende Mónika Tófalvi sei die Deutschen Selbstverwaltung Wetschesch 2014 ohne jegliche Erfahrung zur Trägerin einer Institution mit 500 Personen geworden. Zwar habe man ab und zu auch Probleme und unerwartete Situationen zu bewältigen gehabt, dennoch seien zahlreiche Investitionen verwirklicht werden können, der Nationalitätencharakter der Institution sei deutlich stärker als je zuvor, und die Palette diverser Möglichkeiten habe sich erweitert. Laut Katalin Győri-Meiszter, der Vorsitzenden der Bohler Deutschen Selbstverwaltung – die selber als Lehrkraft am übernommenen Bildungszentrum gearbeitet hat – könne man seit dem Trägerwechsel alles viel zügiger erledigen, und das Budget erlaube beispielsweise auch die Beschäftigung eines eigenen Schulpsychologen und Heilpädagogen. Erzsébet Heltai-Panyik, die Vorsitzende der Deutschen Selbstverwaltung Nadwar, der Trägerin des örtlichen Kindergartens und der Grundschule betonte, dass das Ziel der Institutionsübernahme in ihrem Falle die Identitätsbewahrung, sowie das Behalten der Kinder in der Gemeinde, und in diesem Zusammenhang eigentlich das Überleben des Dorfes gewesen sei. Nándor Róbert Szontág, der Direktor der Deutschen Nationalitätengrundschule Werischwar erzählte über den drei Jahre hindurch währenden Prozess, den sie durchzumachen hatten, bis letztendlich der Widerstand beseitigt, und die Schule mit Kompromissen übernommen werden konnte. Seitdem habe man aber sehenswerte Ergebnisse erreicht: die Schule sei besser ausgerüstet, und der Nationalitätencharakter habe sich verstärkt.

Diskussionsbeiträge wiesen auf ein landesweit typisches Problem hin, dass nämlich viele Schulgebäude renovierungs- und erweiterungsbedürftig sind. Für die Bauarbeiten könnten die deutschen Selbstverwaltungen aus dem eigenen Budget jedoch nicht aufkommen, und diesbezügliche Bewerbungsmöglichkeiten gebe es keine.

Leiter Josef Weigert stellte die Tätigkeit des Ungarndeutschen Pädagogischen Instituts am Valeria-Koch-Bildungszentrum (UDPI) vor. Das Institut betreue zahlreiche Nationalitätenkindergärten und -schulen mit insgesamt 67.500 Kindern und Jugendlichen, sowie mit etwa 2000 Pädagogen. Für sie organisiere das UDPI Fortbildungen, Fachberatungen, duale Fachausbildungen und vieles mehr. Josef Weigert empfahl den Teilnehmenden UDPI-Fortbildungen mit Experten aus dem Ausland, sowie auch all die spannenden und nützlichen Programme und Initiativen, die auch der Homepage und der Facebook-Seite des Instituts veröffentlicht werden. Der Institutsleiter kam auch auf das von der LdU ausgeschriebene Stipendium für angehende Nationalitätenkindergartenpädagogen zu sprechen: insgesamt 86 Bewerber (70 deutsche, 1 kroatische, 5 Roma, 5 rumänische und 5 slowakische Studentinnen) hätten sich beworben, sie alle würden demnächst einen monatlichen Studienzuschuss erhalten.

“In den übernommenen Institutionen soll ein überdurchschnittlich intensiver Einsatz für Sprach- und Kulturpflege der Ungarndeutschen vorhanden sein! Dazu bedarf es der richtigen Einstellung, vor allem bezüglich der Intensivierung des deutschen Sprachgebrauchs – insbesondere in der alltäglichen Kommunikation an der Schule”, betonte Ibolya Englender-Hock in ihrem Vortrag über die fachlichen Anforderungen gegenüber den Bildungsinstitutionen. Durch praktische Beispiele machte sie die Teilnehmenden darauf aufmerksam, dass diverse Verordnungen über Verpflichtungen hinaus auch Möglichkeiten bieten, die von Kindergärten und Schulen bei der Gestaltung ihrer eigenen pädagogischen Programme ergriffen werden sollten. Die Bildungsstrategie der LdU gebe dazu ein klares Leitbild, und die Landesselbstverwaltung selbst unterstütze all dies, kümmere sich um bisherige Ergebnisse und gebe bewährte Methoden weiter.

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